| 1 | Zulässigkeit und Grenzen personenbezogener Bewertungsportale |
| 2 | im Internet sind Gegenstand der Entscheidung des |
| 3 | Bundesgerichtshofs (BGH) vom 23. Juni 2009 . Der BGH lehnte |
| 4 | einen Anspruch der klagenden Lehrerin auf Löschung oder |
| 5 | Unterlassung der Veröffentlichung ihres Namens, des Namens |
| 6 | der Schule, der unterrichteten Fächer sowie einer Bewertung |
| 7 | durch die Nutzer ab. Auch Meinungsäußerungen über eine |
| 8 | bestimmte oder bestimmbare Person oder diesbezügliche |
| 9 | Bewertungen stellten personenbezogene Daten dar. Die |
| 10 | Erhebung, Speicherung und Übermittlung solcher Beurteilungen |
| 11 | richte sich daher nach dem BDSG. Im konkreten Fall sei die |
| 12 | Erhebung und Speicherung der Bewertung trotz fehlender |
| 13 | Einwilligung der Lehrerin gemäß § 29 BDSG zulässig. |
| 14 | Voraussetzung hierfür ist nach § 29 BDSG, dass „kein Grund |
| 15 | zu der Annahme besteht, dass der Betroffene ein |
| 16 | schutzwürdiges Interesse an dem Ausschluss“ der |
| 17 | Datenerhebung und -speicherung hat. Bei der Prüfung des |
| 18 | „schutzwürdigen Interesses“ hat der BGH eine Abwägung |
| 19 | zwischen der Meinungsfreiheit der Nutzer aus Art. 5 Abs. 1 |
| 20 | GG und dem Persönlichkeitsrecht der Bewerteten vorgenommen |
| 21 | und im Hinblick auf den konkreten Sachverhalt der |
| 22 | Meinungsfreiheit den Vorrang eingeräumt. |
| 23 | |
| 24 | Mit Urteil vom 9. Dezember 2003 hat der BGH zivilrechtliche |
| 25 | Ansprüche auf Unterlassung der Veröffentlichung in der |
| 26 | Presse von Luftbildaufnahmen, die Privathäuser einer |
| 27 | Prominenten zeigten, abgelehnt. Das Fotografieren der |
| 28 | Außenansicht eines Grundstücks von einer allgemein |
| 29 | zugänglichen Straße aus und die Verbreitung dieser Fotos |
| 30 | stelle regelmäßig keine Verletzung des Persönlichkeitsrechts |
| 31 | dar. Wenn aber jemand „unter Überwindung bestehender |
| 32 | Hindernisse oder mit geeigneten Hilfsmitteln (Teleobjektiv, |
| 33 | Leiter, Flugzeug)“ ein privates Anwesen ausspähe, liege |
| 34 | grundsätzlich ein Eingriff in die Privatsphäre vor. Im |
| 35 | konkreten Fall hat das Gericht dennoch einen |
| 36 | Unterlassungsanspruch verneint, da bei Abwägung der |
| 37 | betroffenen Grundrechte die Pressefreiheit aus Art. 5 Abs. 1 |
| 38 | GG überwiege. Von der Pressefreiheit nicht gedeckt sei aber |
| 39 | die Veröffentlichung einer Wegbeschreibung zum Grundstück. |
| 40 | Auch die Installation von Überwachungskameras auf einem |
| 41 | Privatgrundstück kann das Persönlichkeitsrecht eines |
| 42 | vermeintlich überwachten Nachbars beeinträchtigen |
| 43 | (BGH-Urteil vom 16. März 2010). |
| 44 | |
| 45 | Zur Frage der internationalen Zuständigkeit deutscher |
| 46 | Gerichte gemäß § 32 Zivilprozessordnung (ZPO) für Klagen aus |
| 47 | unerlaubten Handlungen gegen Veröffentlichungen im Internet |
| 48 | hat sich der BGH mit Urteil vom 29. März 2011 geäußert. |
| 49 | Deutsche Gerichte seien für Verletzungen des |
| 50 | Persönlichkeitsrechts durch Veröffentlichungen im Internet |
| 51 | dann zuständig, wenn die fraglichen Inhalte „objektiv einen |
| 52 | deutlichen Bezug zum Inland (…) aufweisen“. Voraussetzung |
| 53 | hierfür sei, dass eine Kollision der widerstreitenden |
| 54 | Interessen, d. h. des Persönlichkeitsrechts einerseits und |
| 55 | des Interesses an der Gestaltung des eigenen |
| 56 | Internetauftritts oder an der Berichterstattung |
| 57 | andererseits, nach den Umständen des konkreten Falls, |
| 58 | insbesondere auf Grund des konkreten Inhalts der |
| 59 | Veröffentlichung, im Inland tatsächlich eingetreten sei oder |
| 60 | eintreten könne. Das hat das Gericht im konkreten Fall |
| 61 | verneint, da es sich um die Beschreibung eines privaten |
| 62 | Treffens in Russland – verfasst auf russisch und in |
| 63 | kyrillischer Schrift – handelte. Aus dem deutschen Wohnsitz |
| 64 | des Klägers und dem Standort des Servers in Deutschland |
| 65 | ergebe sich kein hinreichend deutlicher Inlandsbezug. |
| 66 | |
| 67 | Mit Urteil vom 2. März 2010 hat der BGH die Zuständigkeit |
| 68 | deutscher Gerichte für eine Klage gegen eine |
| 69 | Internetveröffentlichung der „New York Times“ hingegen |
| 70 | bejaht. Der deutliche Inlandsbezug ergab sich nach |
| 71 | Auffassung des Gerichts aus dem Inhalt des veröffentlichten |
| 72 | Artikels (u. a. die Wiedergabe von Berichten deutscher |
| 73 | Strafverfolgungsbehörden über das deutsche Unternehmen des |
| 74 | Klägers) und der Tatsache, dass die „New York Times“ als |
| 75 | international anerkannte Zeitung auch in Deutschland |
| 76 | wahrgenommen werde. |
| 77 | |
| 78 | In der Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts (BAG) sind |
| 79 | Fragen des Datenschutzes und der Persönlichkeitsrechte u. a. |
| 80 | in folgenden Entscheidungen aufgegriffen worden: Arbeitgeber |
| 81 | und Betriebsrat seien grundsätzlich befugt, eine |
| 82 | Videoüberwachung im Betrieb einzuführen. Die Zulässigkeit |
| 83 | des damit verbundenen Eingriffs in die Persönlichkeitsrechte |
| 84 | der Arbeitnehmer richte sich nach dem Grundsatz der |
| 85 | Verhältnismäßigkeit (Beschluss vom 26. August 2008). Bei |
| 86 | Abschluss von Betriebsvereinbarungen sei gemäß § 75 Abs. 2 |
| 87 | Satz 1 Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG) die freie |
| 88 | Entfaltung der Persönlichkeit der beschäftigten Arbeitnehmer |
| 89 | zu schützen und hierbei auch der Grundsatz der |
| 90 | Verhältnismäßigkeit zu wahren. Mit Beschluss vom 12. August |
| 91 | 2008 äußerte sich das Gericht zum Leserecht einzelner |
| 92 | Mitglieder des Betriebsrates. Das Recht, die elektronisch |
| 93 | gespeicherten Unterlagen des Betriebsrats einzusehen, |
| 94 | umfasse auch das Leserecht auf elektronischem Weg, und zwar |
| 95 | jederzeit, wie dies in § 34 Abs. 3 BetrVG vorgesehen sei. |
| 96 | Dem stünden auch die Schweigepflicht der Mitglieder des |
| 97 | Betriebsrats und datenschutzrechtliche Vorschriften nicht |
| 98 | entgegen. |
| 99 | |
| 100 | Das Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) hat mit Urteil vom 8. |
| 101 | März 2002 die Herausgabe von Stasi-Unterlagen mit |
| 102 | personenbezogenen Informationen über Personen der |
| 103 | Zeitgeschichte, Inhaber politischer Funktionen oder |
| 104 | Amtsträger in Ausübung ihres Amtes nach der damaligen |
| 105 | Fassung des Stasi-Unterlagen-Gesetzes für unzulässig |
| 106 | erklärt, wenn diese systematisch vom Staatsicherheitsdienst |
| 107 | ausgespäht wurden. Im Hinblick auf eine mögliche Änderung |
| 108 | des Gesetzes weist das Gericht darauf hin, dass bei der |
| 109 | Weitergabe rechtsstaatswidrig erworbener Informationen dem |
| 110 | Persönlichkeitsrecht ein höherer Schutz zukomme, als dies |
| 111 | bei der sonstigen Veröffentlichung von Informationen über |
| 112 | Personen der Zeitgeschichte und Amtsträger in Ausübung ihres |
| 113 | Amtes der Fall sei. |
| 114 | |
| 115 | Werden personenbezogene Informationen durch eine sachlich |
| 116 | unzuständige Behörde weitergegeben, stellt dies einen |
| 117 | Verstoß gegen das Grundrecht auf informationelle |
| 118 | Selbstbestimmung dar. Das BVerwG hat hierzu mit Urteil vom |
| 119 | 9. März 2005 entschieden, ein Eingriff in das |
| 120 | informationelle Selbstbestimmungsrecht sei grundsätzlich |
| 121 | auch dann nicht gerechtfertigt, wenn die Daten zwar von |
| 122 | einer anderen Behörde rechtmäßig hätten weitergegeben werden |
| 123 | dürfen, im konkreten Fall aber eine sachlich unzuständige |
| 124 | Behörde gehandelt habe. |
| 125 | |
| 126 | Nach § 7 Bundesnachrichtendienstgesetz (BNDG) in Verbindung |
| 127 | mit § 15 Abs. 1 Bundesverfassungsschutzgesetz (BVerfSchG) |
| 128 | erteilt der Bundesnachrichtendienst dem Betroffenen auf |
| 129 | Antrag Auskunft über die zu seiner Person gespeicherten |
| 130 | Daten, soweit er ein besonderes Interesse an der Auskunft |
| 131 | darlegt. Das BVerwG hat mit Urteil vom 24. März 2010 |
| 132 | ausgeführt, dass eine Auskunftserteilung unter Berufung auf |
| 133 | die in § 15 Abs. 2 BVerfSchG aufgeführten |
| 134 | Geheimhaltungsgründe nur dann abgelehnt werden könne, wenn |
| 135 | eine Abwägung im Einzelfall ergebe, dass das |
| 136 | Auskunftsinteresse zurückstehen müsse. Dagegen erstrecke |
| 137 | sich die Auskunftsverpflichtung von vornherein nicht auf die |
| 138 | Herkunft der Daten (§ 15 Abs. 3 BVerfSchG). |
1-1 von 1
-
1.3.5 Rechtsprechung nationaler Verwaltungs- und Zivilgerichte (Originalversion)
von EnqueteBuero, angelegt
