| 1 | Das Grundgesetz kennt kein ausdrückliches |
| 2 | Datenschutz-Grundrecht. Allerdings hat das |
| 3 | Bundesverfassungsgericht bereits 1983 in seinem sogenannten |
| 4 | „Volkszählungsurteil“ das Grundrecht auf informationelle |
| 5 | Selbstbestimmung als Ausprägung des allgemeinen |
| 6 | Persönlichkeitsrechtes (Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. |
| 7 | 1 Abs. 1 GG) formuliert. Forderungen, den Datenschutz |
| 8 | ausdrücklich als Grundrecht im Grundgesetz zu verankern, |
| 9 | fanden bisher nicht die erforderliche Mehrheit. [Fußnote: |
| 10 | Viele Landesverfassungen enthalten hingegen ein |
| 11 | eigenständiges Datenschutzgrundrecht, vgl. die |
| 12 | Landesverfassungen von Berlin (Art. 33), Brandenburg (Art. |
| 13 | 11), Bremen (Art. 12), Mecklenburg-Vorpommern (Art. 6), |
| 14 | Nordrhein-Westfalen (Art. 4), Rheinland-Pfalz (Art. 4a), |
| 15 | Saarland (Art. 2), Sachsen (Art. 33), Sachsen-Anhalt (Art. |
| 16 | 6) und Thüringen (Art. 6).] Nach der Rechtsprechung des |
| 17 | Bundesverfassungsgerichts beinhaltet das Grundrecht auf |
| 18 | informationelle Selbstbestimmung die Befugnis des Einzelnen, |
| 19 | „grundsätzlich selbst über die Preisgabe und Verwendung |
| 20 | seiner persönlichen Daten zu bestimmen“. [Fußnote: BVerfGE |
| 21 | 65, 1, 43.] Die Unsicherheit, wo welche personenbezogenen |
| 22 | Informationen gespeichert, verwendet oder weitergegeben |
| 23 | werden, würde „nicht nur die individuellen |
| 24 | Entfaltungschancen des Einzelnen beeinträchtigen, sondern |
| 25 | auch das Gemeinwohl, weil Selbstbestimmung eine elementare |
| 26 | Funktionsbedingung eines auf Handlungsfähigkeit und |
| 27 | Mitwirkungsfähigkeit seiner Bürger begründeten |
| 28 | freiheitlichen demokratischen Gemeinwesens ist.“ [Fußnote: |
| 29 | BVerfGE 65, 1, 43.] „Mit dem Recht auf informationelle |
| 30 | Selbstbestimmung wären eine Gesellschaftsordnung und eine |
| 31 | diese ermög-lichende Rechtsordnung nicht vereinbar, in der |
| 32 | Bürger nicht mehr wissen können, wer was wann und bei |
| 33 | welcher Gelegenheit über sie weiß“. [Fußnote: BVerfGE 65, 1, |
| 34 | 43.] In den Schutzbereich dieses Grundrechts fallen alle |
| 35 | Formen der Erhebung personenbezogener Daten. Angesichts der |
| 36 | Verarbeitungs- und Verknüpfungsmöglichkeiten der |
| 37 | Informationstechnologie geht das Bundesverfassungsgericht |
| 38 | davon aus, dass es „unter den Bedingungen der automatischen |
| 39 | Datenverarbeitung kein „belangloses“ Datum mehr“ gebe. |
| 40 | [Fußnote: BVerfGE 65, 1, 45, zum Grundrecht auf |
| 41 | informationelle Selbstbestimmung vgl. im Übrigen unter |
| 42 | 2.1.5.] |
| 43 | |
| 44 | Im Hinblick auf die Fragestellungen der Enquete-Kommission |
| 45 | sind als weitere Ausprägungen des allgemeinen |
| 46 | Persönlichkeitsrechts das Recht am eigenen Bild von |
| 47 | Bedeutung, das u. a. den Einzelnen vor der Aufnahme, |
| 48 | Darbietung, Verbreitung und sonstigen Verwertung seines |
| 49 | Abbildes schützt [Fußnote: Di Fabio in Maunz/Dürig, |
| 50 | Grundgesetz, 57. Auflage 2010, Art. 2 GG, Rn. 193.], sowie |
| 51 | das 2008 durch das Bundesverfassungsgericht formulierte |
| 52 | „Grundrecht auf Gewährleistung der Vertraulichkeit und |
| 53 | Integrität informationstechnischer Systeme“. [Fußnote: |
| 54 | BVerfG, Urteil vom 27. Februar 2008, NJW 2008, 822 |
| 55 | („Online-Durchsuchung“).] Nach der Rechtsprechung des |
| 56 | Gerichts handelt es sich um ein subsidiäres Grundrecht, das |
| 57 | hinter anderen Grundrechten, etwa dem Brief-, Post- und |
| 58 | Fernmeldegeheimnis (Art. 10 GG) oder der Unverletzlichkeit |
| 59 | der Wohnung (Art. 13 GG) zurücktritt und erst dann zur |
| 60 | Anwendung kommt, wenn vorrangige Grundrechte keinen |
| 61 | hinreichenden Schutz vor Eingriffen in |
| 62 | informationstechnische Systeme gewähren. [Fußnote: Zum |
| 63 | Grundrecht auf Gewährleistung der Vertraulichkeit und |
| 64 | Integrität informationstechnischer Systeme vgl. im Übrigen |
| 65 | unter 2.1.3.] |
| 66 | |
| 67 | Grundlegend für den Datenschutz sind weiterhin die |
| 68 | Grundrechte nach Art. 10 GG (Brief-, Post- und |
| 69 | Fernmeldegeheimnis, auch als „Telekommunikationsgeheimnis“ |
| 70 | bezeichnet) und Art. 13 GG (Unverletzlichkeit der Wohnung). |
| 71 | Das Grundrecht der Unverletzlichkeit der Wohnung schützt u. |
| 72 | a. vor Durchsuchungen und Abhörmaßnahmen, etwa wenn hierfür |
| 73 | in die Wohnung eingedrungen wird. [Fußnote: BVerfG, NJW |
| 74 | 2004, 999 (1001).] Durch das Fernmeldegeheimnis wird die |
| 75 | unbeobachtete, nicht öffentliche Kommunikation unabhängig |
| 76 | von der Übertragungsart (Kabel, Funk, analoge oder digitale |
| 77 | Vermittlung) und unabhängig von deren Ausdrucksformen |
| 78 | (Sprache, Bilder, Töne, Zeichen oder sonstige Daten) |
| 79 | geschützt, und zwar auch über das Internet, etwa als E-Mail. |
| 80 | [Fußnote: BVerfGE 120, 274, 307.] Der Schutz erstreckt sich |
| 81 | nicht nur auf die Inhalte der Kommunikation, sondern auch |
| 82 | auf die Kommunikationsumstände [Fußnote: BVerfGE 113, 348, |
| 83 | 364.], etwa die beteiligten Personen, Zeit, Ort und |
| 84 | Häufigkeit der Kommunikation. An Art. 10 GG zu messen ist |
| 85 | weiterhin der Informations- und Datenverarbeitungsprozess, |
| 86 | der sich an zulässige Kenntnisnahmen von geschützten |
| 87 | Kommunikationsvorgängen anschließt, sowie der Gebrauch, der |
| 88 | von den so erlangten Kenntnissen gemacht wird. [Fußnote: |
| 89 | BVerfGE 113, 348, 365.] Da das Telekommunikationsgeheimnis |
| 90 | vorrangig vor der Manipulation des technischen |
| 91 | Übertragungsvorgangs schützt, endet der Schutz des |
| 92 | Fernmeldegeheimnisses, sobald der Übertragungsvorgang |
| 93 | abgeschlossen ist. Bezogen auf die Telekommunikation enthält |
| 94 | Art. 10 GG eine spezielle Garantie, die das Recht auf |
| 95 | informationelle Selbstbestimmung verdrängt und aus der sich |
| 96 | besondere Anforderungen für die Daten ergeben, die durch |
| 97 | Eingriffe in das Fernmeldegeheimnis erlangt werden. Nach der |
| 98 | Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts lassen sich |
| 99 | allerdings die Maßgaben, die für das Recht auf |
| 100 | informationelle Selbstbestimmung gelten, weitgehend auf |
| 101 | Eingriffe in das Fernmeldegeheimnis übertragen. |
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1.3.1 Grundrechte (Originalversion)
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